Mitten in der Essener Innenstadt, gibt es einen Ort, an dem die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint, ein klingendes Denkmal, ein Stück lebendige Stadtgeschichte.
Das Deiterhaus
Ein Haus, das mehr ist als Architektur
"Eine einzigartige Kombination aus Technik, Kunst und lokalem Selbstverständnis."
Auf den ersten Blick wirkt das Haus Kettwiger Straße 22 wie ein typischer Nachkriegsbau der 1950er Jahre – sachlich, funktional, mit klarer Rasterfassade. Doch dann fällt der Blick auf einen auffälligen, blauen Erker, der sich deutlich vom Rest des Gebäudes abhebt. Hier beginnt die eigentliche Geschichte des Hauses.
Dieser Erker beherbergt das berühmte Deiter-Glockenspiel – eine einzigartige Kombination aus Technik, Kunst und lokalem Selbstverständnis. Seit dem 7. Juli 2017 steht dieser Gebäudeteil offiziell unter Denkmalschutz und gilt als Baudenkmal der Stadt Essen.
Die 20er bis 40er Jahre
Vom Werbemittel zur Sehenswürdigkeit
Die Geschichte des Glockenspiels beginnt nicht an der Kettwiger Straße, sondern bereits in den 1920er Jahren. 1928 ließ die Firma Deiter erstmals ein Glockenspiel an ihrem Geschäft in der Limbecker Straße installieren. Die Idee war simpel – und zugleich modern: Aufmerksamkeit erzeugen, Kunden anlocken, Emotionen wecken.
Die Glocken selbst, gegossen zwischen 1926 und 1929 in den Niederlanden, sind bis heute erhalten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie demontiert und auf Bauernhöfen im Sauerland versteckt, um sie vor dem Einschmelzen zu bewahren – ein glücklicher Umstand, der das Überleben dieses besonderen Kulturguts sicherte.
Nach dem Krieg fand das Glockenspiel 1949 seinen neuen Platz am heutigen Standort – am wiederaufgebauten Geschäftshaus in der Kettwiger Straße.
50er Jahre bis heute
Neubeginn und architektonische Vision
In den Jahren 1955/56 wurde das Gebäude im Zuge der Neugestaltung der Essener Innenstadt vollständig neu errichtet. Der Wiederaufbau nach dem Krieg bot die Chance, nicht nur funktionale Räume zu schaffen, sondern auch neue städtebauliche Akzente zu setzen.
Der Architekt Alfred Pegels entwarf den markanten Glockenspiel-Erker – inspiriert vom berühmten Uhrturm am Markusplatz in Venedig. So entstand ein architektonisches Element, das bewusst aus dem Stadtbild herausragt und Orientierung bietet – fast wie ein modernes Wahrzeichen.
Das Gebäude wurde damit zu mehr als nur einem Geschäftshaus: Es wurde zu einem identitätsstiftenden Ort in einer Stadt, die nach den Zerstörungen des Krieges ihre neue Mitte suchte.
Die Immobilie
Das Haus in der Kettwiger Straße 22
Das Haus Kettwiger Straße 22 ist kein stilles Denkmal aus Stein. Es lebt, bewegt sich und klingt. Es erzählt Geschichten – von Kaufleuten, von Krieg und Wiederaufbau, von Kunst und Technik, von Stolz und Identität.
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Das Glockenspiel
Ein Theater aus Bronze, Klang & Bewegung
Das Herzstück des Hauses ist das Glockenspiel selbst – ein mechanisch gesteuertes Schauspiel aus 26 Bronzeglocken, Figuren und Musik. Viertelstündlich erklingt der bekannte Westminster-Schlag, zur vollen Stunde tritt eine zentrale Figur in Aktion: der Bergmann.
Mit erhobenem Schlegel schlägt er die große Glocke – ein Symbol für die industrielle Geschichte Essens und seine Bergbautradition.
Das Figurenprogramm wurde schrittweise zwischen 1958 und 1970 ergänzt und macht das Glockenspiel zu einem einzigartigen erzählerischen Kunstwerk im öffentlichen Raum.
Besonders bemerkenswert ist die Verbindung unterschiedlicher Disziplinen:
- Das blaue Glasmosaik des Erkers wurde von Hermann Schardt, Direktor der Folkwangschule, entworfen.
- Die Bergmannsfigur stammt vom Bildhauer Adolf Wamper.
- Die Mechanik kombiniert traditionelle Technik mit elektromechanischer Steuerung – ein seltenes Beispiel für erhaltene historische Spieltechnik.
Damit ist das Haus nicht nur architektonisch, sondern auch technisch und kunsthistorisch von großer Bedeutung.
Geschichte erleben
Ein Denkmal, das klingt!
Das Haus Kettwiger Straße 22 ist kein stilles Denkmal aus Stein. Es lebt, bewegt sich und klingt. Es erzählt Geschichten – von Kaufleuten, von Krieg und Wiederaufbau, von Kunst und Technik, von Stolz und Identität.
In einer Zeit, in der Städte sich immer schneller verändern, bleibt dieses Haus ein Ort der Kontinuität. Ein Ort, an dem Geschichte nicht nur sichtbar, sondern hörbar wird.
Und vielleicht ist genau das sein größter Wert:
Dass es die Menschen für einen Moment innehalten lässt – mitten im Herz der Stadt.